Der Anruf liegt zwei Jahrzehnte zurück, doch ich erinnere mich gut. Ein Professor des Landesamts für Denkmalpflege Sachsen erzählte, das Grüne Gewölbe in Dresden solle wiederhergestellt werden. Etwa 80 Prozent der historischen Spiegel waren zerstört. Für mich als Kind der DDR hat diese Sammlung seltener Exponate von Weltrang eine hohe persönliche Bedeutung. Der Professor fragte, ob ich Spiegel nach originalem Vorbild mit Quecksilber fertigen könne. Das ist verrückt, dachte ich.
Normalerweise verspiegeln wir Glas durch Aufsprühen von Silbernitrat – modern und sauber. Für das Grüne Gewölbe sollte alles so hergestellt werden wie in den 1720er-Jahren: mit einer Zinn-Amalgam-Legierung. Dahinter steckt ein heikles Verfahren, und die Denkmalpflege hatte niemanden gefunden, der die Technik noch beherrscht.
Bei mir war es genauso – ich begann bei null, recherchierte in zwei Jahrhunderte alten Büchern, richtete ein Labor ein, beschaffte Schutzausrüstung. Dann arbeitete ich an ersten Mustern und ließ wegen des Kontakts mit Quecksilber regelmäßig mein Blut untersuchen.
Das Element ist widersprüchlich: Es fließt, ohne Oberflächen zu benetzen; verflüchtigt sich leicht, obwohl es schwer ist; glänzt, aber spendet kein Licht. Die Handgriffe sind die gleichen wie im 18. Jahrhundert: Stanniol auf einer Marmorplatte ausbreiten, etwas Quecksilber darauf geben. Warten, bis die Legierung anzieht. Dann die Platte einrahmen und eine größere Menge Quecksilber auftragen. In diese Schicht wird das Glas schließlich behutsam seitlich hineingeschoben. Die dünne Amalgamschicht haftet daran, überschüssiges Quecksilber läuft ab. Jeder Schritt verlangt sein eigenes Tempo; wer drängelt, verliert. Doch so entsteht eine Oberfläche, wie sie kein moderner Spiegel hat. Der Reflexionsgrad ist geringer, das Spiegelbild ist farbecht.
600 Quadratmeter Spiegel
Das Grüne Gewölbe verfügt heute wieder über 600 Quadratmeter Spiegel. Sie öffnen den Raum nicht, sondern sie umfassen ihn. Bin ich dort, spüre ich ihre Wirkung: weiches Licht, authentische Farben. Die Historie der ausgestellten Objekte tritt nach vorn, und die Spiegel bereiten die Bühne dafür.
Es macht mich stolz, meine Quecksilberspiegel an Orten zu sehen, die Geschichte erzählen. Im Grünen Gewölbe oder hier in den Paraderäumen des Dresdner Residenzschlosses denke ich an meinen ersten Impuls: „verrückt“. Vielleicht war es das – aber es war es wert.
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Schauplatz eines spektakulären Kunstraubes
Es dauert nur Minuten – und hinterlässt doch einen Schaden von historischem Ausmaß: Am frühen Morgen des 25. November 2019 dringen Einbrecher in das Dresdner Residenzschloss ein, schlagen im Grünen Gewölbe eine Vitrine ein und greifen sich, was sich greifen lässt. 21 Schmuckstücke, besetzt mit rund 4.300 Diamanten, verschwinden in einer Art Präzisionsraub. Versicherungswert: mindestens 113,8 Millionen Euro.
Was fehlt, ist jedoch mehr als Geld. Die Stücke, gefertigt im 18. Jahrhundert, gelten als einzigartig – ihr ideeller Wert lässt sich kaum beziffern. Entsprechend groß ist die Sorge, die Täter könnten die Preziosen zerlegen, die Diamanten einzeln verkaufen, den historischen Zusammenhang endgültig zerstören.
Der Fall entwickelt sich zum Kriminaldrama mit langem Atem: Erst 2022 beginnt der Prozess gegen sechs Angeklagte. Im Dezember desselben Jahres taucht ein Großteil der Beute wieder auf, zurückgegeben über Anwälte. 2023 folgen Verurteilungen – fünf Täter erhalten Haftstrafen, einer wird freigesprochen.
Zurück bleibt ein spektakulärer Coup – und die Erkenntnis, wie verletzlich selbst die bestgehüteten Schätze sind.