Im Labor von Pieter Cullis an der University of British Columbia (UBC) dominiert die Farbe Weiß: Sein widerspenstiges weißes Haar und sein strahlend weißer Laborkittel verleihen dem Wissenschaftler eine professorale Ausstrahlung, Ideen für Artikel und Projekte sind mit weißem Marker direkt aufs Fenster gekritzelt.
Bei so viel Weiß könnte die kleine weiße Anstecknadel mit dem goldenen Ahornblatt an Cullis’ Revers leicht unbemerkt bleiben, dabei zeugt sie davon, dass er als Officer of the Order of Canada ausgezeichnet wurde.
Den hohen Verdienstorden hat der Professor für Biochemie und Molekularbiologie für seine Pionierarbeit in der Lipidnanopartikel-Technologie erhalten – ein zentrales Element der Covid-19-Impfstoffe von Pfizer-Biontech und Moderna. Doch Cullis ist weit mehr als ein klassischer Akademiker.
Als Gründer zahlreicher Firmen hat der heute 79-Jährige vier Jahrzehnte lang den Aufstieg von Therapeutika auf Grundlage von Messenger-RNA (mRNA) und Technologien für die präzise Verabreichung vorangetrieben – er selbst nennt sich gern einen „wissenschaftlichen Unternehmer“. Cullis gilt als treibende Kraft hinter dem Aufstieg Vancouvers zum Zentrum für Biotechnologie und Life Sciences, das mit etablierten Innovationsstandorten wie Boston und San Francisco konkurriert.
Neue Therapien in Sicht
Jahrelang waren nukleinsäurebasierte Therapeutika und die Lipidnanopartikel (LNP), mit denen sie in die menschlichen Zellen transportiert werden, praktisch nur Wissenschaftlern bekannt. Die Coronapandemie änderte das schlagartig und katapultierte mRNA weltweit ins Rampenlicht. Seitdem hat sich der Fokus von Impfstoffen zu einem immer umfassenderen therapeutischen Spektrum verlagert: Mögliche Anwendungsbereiche sind Krebs, HIV, Malaria, Tuberkulose, Erkrankungen des Gehirns, Herz-Kreislauf-Leiden und Erbdefekte. „Derzeit erscheinen Anwendungen im Bereich Krebs besonders interessant“, sagt Cullis und verweist auf personalisierte Impfstoffe, die kurz vor dem Beginn klinischer Studien stehen und viel höhere Heilungsraten versprechen als Chemotherapie.
Neben Krebs gibt es aber auch seltene Krankheiten. „Stellen Sie sich ein Kind vor, dessen Körper nicht in der Lage ist, ein bestimmtes Protein zu bilden. Man könnte sein Leben retten, indem man Medikamente einsetzt, die die Leber anweisen, das fehlende Protein zu produzieren – Medikamente, die in nur wenigen Monaten entwickelt werden könnten. Das ist unglaublich spannend.“
Solche Medikamente auf Nukleinsäurebasis treiben auch Evonik um. Seit zehn Jahren ist der Chemiekonzern deshalb in Vancouver aktiv. Damals erwarb Evonik das Unternehmen Transferra Nanosciences – vormals Northern Lipids, eines der frühen unternehmerischen Projekte von Cullis – und baut seither die Kompetenz bei injizierbaren Arzneimitteln aus. Die Strategie ist klar: dort präsent sein, wo Wissenschaft auf Unternehmertum trifft, damit Ideen schnell vom Labor in die klinische Anwendung gelangen.
Revolutionäre Entwicklung
„Wir stehen an der Schwelle zu einer revolutionären Entwicklung“, sagt Mike Parr, Global Head, Strategic and Technical Marketing in den Vancouver Laboratories von Evonik. Cullis kennt er gut. In den 1990er-Jahren studierte er bei ihm, später war er an der Harvard Medical School als Postdoktorand tätig. „Die Pandemie hat das Potenzial der mittels Lipidnanopartikeln verabreichten Nukleinsäuren beschleunigt“, sagt Parr.
Derzeit unterstützt Evonik ein Programm namens ETH47. Hierbei geht es um einen mRNA-basierten Wirkstoff, der die körpereigenen Abwehrkräfte in den Atemwegen stärken und so virusbedingten Asthmaanfällen vorbeugen soll. 2025 startete das Münchner Biotech-Unternehmen Ethris eine Phase-IIa-Studie zur Untersuchung des Therapeutikums, das als Nasenspray verabreicht wird. Um Nebenwirkungen zu vermeiden, entwickelt und testet Evonik außerdem eine neuartige Struktur für sogenannte PEG-Lipide.
Hochlauf in wenigen Monaten
45 Autominuten vom Stadtzentrum Vancouvers entfernt stellen die Forscher in den Evonik-Laboren Nanopartikel her, indem sie in speziellen Mischern Lipide mit einer Nukleinsäure-Fracht zusammenführen. Im Reinraum, hinter dicken Fensterscheiben und abgedichteten Türen, überwachen Mitarbeiter in Schutzkleidung, wie die Mittel anschließend in Ampullen abgefüllt werden.
„Was wir hier herstellen, wird Menschen verabreicht“, sagt Parr, „und da darf es keine Fehler geben.“ Die klinische Produktion für Phase-I- und -II-Studien erfolgt hier, die Produktion in größerem Maßstab für die abschließende Phase III und die kommerzielle Herstellung finden am Evonik-Standort in Birmingham (Alabama, USA) statt.
Während der Pandemie ging Evonik eine Partnerschaft mit dem in Vancouver ansässigen Unternehmen Acuitas Therapeutics ein. Dieses ebenfalls von Pieter Cullis mitbegründete Unternehmen entwickelte die LNP-Technologie für den Impfstoff von Pfizer-Biontech. Innerhalb weniger Monate fuhr Evonik die Produktion für zwei in den Nanopartikeln verwendete Lipide hoch.
Verehrt wie die Gründer von Google
Bei Ausbruch der Pandemie war Cullis bereits ein erfahrener Experte für LNP-Technologie. Ende der 1970er-Jahre hatte der studierte Physiker nach seinem Wechsel an die UBC damit begonnen, Lipidstrukturen in biologischen Membranen zu erforschen und zu verändern. Dass er zum wissenschaftlichen Unternehmer wurde, ergab sich eher zufällig. Er und seine Labormitarbeiter hatten ein Gerät zur Herstellung von Liposomen entwickelt, das auf kommerzielle Nachfrage stieß. „Ich wollte mein Team zusammenhalten, und dafür schien mir die Gründung eines Unternehmens ideal.“
In Vancouvers Biotech-Szene werden die Mitglieder von Cullis’ damaliger Forschungsgruppe und die Mitbegründer der ersten Start-ups ähnlich verehrt wie die Gründer von Google oder Apple im Silicon Valley. „Über vier Jahrzehnte hinweg haben wir unzählige Unternehmen im Bereich Liposome und LNP gegründet. Die Mitarbeiter, die in Pieters Labor arbeiteten und dann in die neuen Unternehmen wechselten, gaben sich quasi die Klinke in die Hand“, erzählt Tom Madden, Mitgründer und CEO von Acuitas sowie einer der ersten von Cullis’ Mitarbeitern. Im Konferenzraum seines Unternehmens zeigt eine große Grafik die Entwicklung des Unternehmens seit 2009 und bringt seine Vision in Großbuchstaben auf den Punkt: „mRNA ist die Zukunft. ES GIBT KEINE GRENZEN.“ Eine weitere Aussage lautet: „Wir retten die Welt.“
Die persönlichen Beziehungen in Vancouvers Biotech-Szene reichen tief. „Pieter hat eine Gruppe jüngerer Unternehmer aufgebaut, die seine Denk- und Handlungsweise verinnerlicht haben“, sagt Evonik-Manager Parr, der selbst einmal ein Start-up geführt hat. „Unsere Präsenz in Vancouver ist wichtig, um mit diesen Start-ups in Kontakt zu bleiben.“
Innovationsfreundliche Mentalität
Auch Wendy Hurlburt sieht in der herausragenden Rolle der örtlichen Forschungseinrichtungen einen wichtigen Grund für den ausgeprägten Unternehmergeist in Vancouver. „Die University of British Columbia ist seit Jahrzehnten eine treibende Kraft im Bereich der Biotechnologie“, sagt die Chefin des Branchenverbands Life Sciences British Columbia.
Sie führt das Wachstum der Branche außerdem auf eine ganz eigene Mentalität an der Westküste zurück, die durch Einwanderung, Zusammenarbeit, Einfallsreichtum und Eigenverantwortung geprägt sei.
Mit fast 20.000 Beschäftigten in mehr als 2.000 Unternehmen – die meisten davon im Großraum Vancouver – weist British Columbia heute den am schnellsten wachsenden Life-Sciences-Sektor Kanadas auf. „Vancouver war schon immer ein Ort des Unternehmertums und der Innovation“, bestätigt Dermot Kelleher, emeritierter Dekan der medizinischen Fakultät der UBC. „Aber es fehlt immer noch die kritische Masse, die Life-Sciences-Zentren wie Boston auszeichnet.“
Um das Leistungsangebot in Vancouver zu ergänzen, ließ sich Evonik 2024 daher im Großraum Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) nieder. Der Cambridge Innovation Satellite von Evonik ist ebenfalls auf Lipidnanopartikel spezialisiert und verfügt über moderne Laborräume auf dem Campus des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Stadtviertel Kendall Square, das häufig als „innovativste Quadratmeile der Welt“ bezeichnet wird.
»Die Community ist unglaublich offen und hilfsbereit.«
Andrea Engel Senior Director of Cell and Delivery Systems bei Evonik
Auch hier sind Koryphäen ansässig, die das Anwendungsspektrum von Lipidnanopartikeln ständig erweitern, etwa Robert Langer: „Die Verabreichung von Nukleinsäuren eröffnet neue Möglichkeiten in Bereichen wie dem Proteinersatz, Gentherapien und der zellspezifischen Modulation – vorausgesetzt, wir können die richtigen Zellen zuverlässig erreichen“, sagt der MIT-Professor, der als Pionier auf dem Gebiet moderner Biomaterialien und Arzneimittelverabreichung gilt und das Biotech-Unternehmen Moderna mitgegründet hat.
In den vergangenen zwei Jahren hat sich Evonik als Teil des Netzwerks aus Unternehmen, akademischen Einrichtungen und Krankenhäusern in Cambridge etabliert. „Dieses einzigartige Umfeld ermöglicht es uns, beim wissenschaftlichen Fortschritt weiterhin eine Spitzenposition einzunehmen“, sagt Andrea Engel, Senior Director of Cell and Delivery Systems bei Evonik. Ein großes Augenmerk liege auf Forschung und Entwicklung in frühen Phasen der Arzneimittelentwicklung.
Mitten im Biotech-Cluster
Forschungseinrichtungen und Unternehmen im Großraum Boston (Massachusetts, USA)
Die Partner sind gleich gegenüber
In Cambridge werden innovative Ideen ganz ungezwungen ausgetauscht – sogar im Café. „Die Community ist unglaublich offen und hilfsbereit“, berichtet Engel. „Forscher können leicht Kontakt aufnehmen. Manchmal müssen sie nur auf die andere Straßenseite gehen, um gemeinsam an Formulierungen zu arbeiten.“
Im Labor des Cambridge Innovation Satellite setzt Daniel Costa, Senior Scientist for Nucleic Acid Delivery, einen Vernebler ein, um LNP-Formulierungen für Lungenerkrankungen wie Asthma zu testen. Sie werden nicht als Injektion verabreicht, sondern vom Patienten inhaliert, wodurch sie direkt an die Schleimhäute der Atemwege gelangen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt auf In-vitro-Tests von Formulierungen in zellbasierten Systemen. Auf dem Computerbildschirm erscheinen die Zellbestandteile als blaue und rote Flecken, was an ein impressionistisches Gemälde erinnert.
Doch auch wenn es vorrangig um neue medizinische Anwendungen geht, sind die Folgen der Pandemie nicht in Vergessenheit geraten. „Wir müssen weiterhin unser Augenmerk auf Pandemien richten“, sagt der frühere UBC-Dekan Kelleher. In Vancouver ist er Teil der Leitung des Immuno-Engineering and Biomanufacturing Hub (CIEBH) der University of British Columbia. CIEBH wurde 2023 gegründet und ist eines von fünf nationalen Forschungszentren, die von der kanadischen Regierung zur Stärkung der Pandemievorsorge eingerichtet wurden. Seine Bedeutung hat zugenommen, seitdem US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. im vergangenen Jahr die Streichung von rund 500 Millionen Dollar an Bundesmitteln für die mRNA-Impfstoffforschung angekündigt hat.
„Kanada verfügt über umfassendes Know-how in den Bereichen RNA und Lipidnanopartikel. Unser Ziel ist es, diese Kapazitäten zu nutzen, um bei einer Pandemie innerhalb kurzer Zeit klinische Frühphasenstudien zu erstellen“, sagt Kelleher. „Die Partnerschaft mit Unternehmen wie Evonik wird entscheidend sein, wenn es darum geht, die Produktion hochzufahren.“ Evonik-Manager Parr ist Industrierepräsentant im Governance-Ausschuss des CIEBH.
Eine wichtige Initiative des CIEBH ist das von Pieter Cullis mitgeleitete Avenger-Programm, das sich auf die Entwicklung von mRNA-LNP-Impfstoffformulierungen zum Schutz vor viralen und bakteriellen Krankheitserregern konzentriert. Zugleich treibt die Gruppe die Forschung an personalisierten Krebsimpfstoffen und klinische Studien voran.
Für Cullis könnte dies weitere Auszeichnungen bedeuten. Wie sein amerikanischer Kollege Langer gilt er als Nobelpreiskandidat. Zu Beginn seiner Karriere hätte er sich nicht vorstellen können, dass seine Arbeit zu 400 Veröffentlichungen, 100 Patenten und einer pulsierenden Biotech-Szene in Vancouver führen würde. Dabei habe er nie am Potenzial seiner Forschung gezweifelt, sagt Cullis: „Ich wusste einfach, dass es funktioniert.“
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