Auch wenn der Große Woog ein schöner See im Herzen Darmstadts ist, als Hotspot für Windsurfer war die Stadt bisher nicht bekannt. Bisher. Denn aus Darmstadt kommt mit dem Strukturschaum Rohacryl ein Herzstück des Windsurfbretts, das Geschichte schreiben soll. Gleich am ersten Tag der Pariser Kunststoffmesse JEC 2026 wurde der erste Prototyp enthüllt. Dicht gedrängt standen die Besucher um das Brett des Pjektes "Zephir".
Beim Projekt Zephir geht es darum, den Geschwindigkeitsrekord für windgetriebene Wasserfahrzeuge zu den Windsurfern zurückzuholen. Dort war er lange zuhause, zuletzt wurde er 2008 von Antoine Albeau mit 49,09 Knoten – das entspricht 90,91 km/h – gehalten. Der US‑Amerikaner Rob Douglas stellte zwei Jahre später mit 55,65 Knoten (103,06 km/h) mit einem Kite-Surfer einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf. Nochmals zwei Jahre später wanderte die Bestmarke weiter zur „Vestas Sailrocket 2“. Das speziell dafür entwickelte Segelboot setzte mit 65,45 Knoten (121,21 km/h) den bis heute gültigen Spitzenwert. Und nun will Antoine Albeau seinen Rekord zurück.
Gesucht und gefunden: Der Rekord-Macher
Dass dies nicht mit auch nur annähernd handelsüblichen Material geht, ist sonnenklar. Denn Albeau muss sein alte Bestmarke um gut 30 Stundenkilometer übertreffen. Und zwar nicht in einem aerodynamisch geformten Bootsrumpf, sondern auf einem Surfbrett stehend und das Segel mit der Hand steuernd. Kurz und gut: Er brauchte einen Partner mit Erfahrung in solchen Dingen. Den fand er in Marc Amerigo, einem französischer Ingenieur, Unternehmer und Experten für Hochleistung im Extremsport. Er hat als technischer Leiter bereits zu neun Weltrekorden im Geschwindigkeitsbereich beigetragen, etwa beim Mountainbike (228 km/h mit Eric Barone) oder mit dem Snowboard (203 km/h mit Edmond Plawczyk) und hält selbst 14 Patente.
Antoine Albeau und Marc Amerigo gründeten 2020 das Projekt Zephir. Doch „nur“ einen Weltrekord aufzustellen, reichte ihnen nicht. Das Surfbrett sollte nachhaltig und vollständig recycelbar sein. Das Surfbrett, das jetzt auf der JEC 2026 in Paris vorgestellt wurde, ist der erste Prototyp. „Wir haben einen erstaunlichen Prototypen gebaut, auf den wir stolz sein können“, sagt Marc Amerigo zur Präsentation, „es war nicht leicht, das ist heute schon ein großes Ding“. In diesem „großen Ding“ steckt Rohacryl von Evonik, produziert im hessischen Darmstadt.
Ein Board besteht in der Regel aus einem komplexen Aufbau aus einer Vielzahl von Materialschichten, die zusammen Leichtigkeit und Leistungsfähigkeit ermöglichen. Der Ansatz für den auf der Messe in Paris gezeigten Demonstrator ist ein anderer. Marc Amerigo: „Wir gehen das Thema Zirkularität über die Reduzierung der Anzahl der Materialien an, wobei wir sicherstellen, dass diese miteinander kompatibel sind und sich ohne Eigenschaftsverluste recyceln lassen.“
Die Fasern stammen aus dem Recycling von Booten, Wasserstofftanks oder auch von Flugzeugbauteilen. Sie werden zusammen mit der recycelbaren thermoplastischen Elium‑Harzmatrix von Arkema verarbeitet, und der Kern des Boards besteht aus dem ebenfalls recycelbaren Thermoplast Rohacryl von Evonik. Damit ist dieses Board nicht einfach nur recycelbar – es ist zirkulär, im Sinne davon, dass seine Materialien recycelbar und wiederverwendbar sind, ohne jegliche Verluste an Eigenschaften, und zwar für dieselben Anwendungen.
Gemacht für Spitzenleistungen
Rohacryl passt bestens zu Spitzenleistungen, denn es wird in der Regel dort eingesetzt, wo Leistung verlangt wird. Es ist ein Strukturschaum, der hohe Festigkeit und Steifigkeit mit sehr geringem Gewicht kombiniert. Das ermöglicht besonders leichte Sandwich‑Konstruktionen. Gleichzeitig reduziert seine feine, isotrope Zellstruktur die Harzaufnahme und erleichtert die effiziente, automatisierte Verarbeitung bei hohen Temperaturen. Und es passt genau zum Zephir-Projekt, denn es basiert auf recycelbaren Rohstoffen und bietet damit eine nachhaltige Lösung mit niedrigem CO₂‑Fußabdruck.
Auch die anderen Industriepartner, die Marc Amerigo für das Projekt gewinnen konnte, kennen das Material bereits von der Zusammenarbeit am Board. Das französische Unternehmen Arkema etwa, das seinen Sitz gar nicht weit von der JEC in La Défense hat. Der global agierende Konzern bedient Zukunftsmärkte wie Klebstoffe, Hochleistungsmaterialien und Beschichtungslösungen und engagiert sich im Bereich der Materialien für den Bootsbau. Im Prototype-Surfboard treffen Rohacryl und ein voll recycelbares Acrylharz von Arkema aufeinander. Die Hülle besteht aus Carbonfasern aus dem Haus des französischen Unternehmen Alpha Recyclage Composites, das es schafft, wiederverwendete Carbonfasern so belastbar zu machen wie neue. Insgesamt sind 23 Unternehmen am Prototypen beteiligt.
Dieses erste Modell ist sozusagen der große Bruder des späteren Bretts für den Rekordversuch. „Wir haben es sehr konservativ gebaut“, erläutert Marc Amerigo, „es soll belastbar sein und uns Daten liefern. Die nächsten Modelle werden immer dünner und leichter werden – so lang, bis es nicht weniger geht.“ Beim Gewicht lässt er sich nicht in die Karten schauen, „das tut niemand mit Rekordmodellen“ erläutert er. Nur, dass vom jetzigen Prototypen prozentual noch einiges runtergeht.
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Jetzt geht es darum, dass Windsurfer Antoine Albeau ein Gefühl für das neue Brett bekommt. Aber: Auf Gefühl allein verlässt sich heute kein Profiteam mehr. Zephir wird unterstützt von ALTEN, einem der weltweit größten Technologie‑Beratungshäusern mit Sitz in Boulogne-Billancourt, Frankreich. ALTEN integriert nicht nur Messelektronik im Surfbrett, es vermisst den Surfer und stellt Antoine Albeau samt simulierten Surfbrett immer wieder in den Windkanal. Und das schon mit Erfolg: Der Alte Rekordhalter baute bereits Weltrekord für Windsurfbretter aus und übertraf seine Marke von 2008 deutlich. Mit 53,49 Knoten (99.06 km/h) sattelte er ordentlich auf den 2008er Wert drauf.
Auf dem Weg zum Rekord
Wann es soweit sein wird und der Rekordversuch startet, steht heute noch nicht fest. Der aktuelle Rekordinhaber brauchte zehn Jahre, um auf die 65,45 Knoten zu kommen. Nur der Ort steht schon fest, denn das ist immer der gleiche: der 800 Meter lange Lüderitz Speed Canal in Namibia. Der wurde angelegt, um Windsurfern und Kitesurfern eine extrem schnelle, kontrollierte und besonders windsichere Strecke zu bieten, da die Bucht bei Lüderitz mit konstant starken Winden optimale Bedingungen für Rekordfahrten bietet. Zudem ermöglicht der künstlich geschaffene, schmale und wellenarme Kanal deutlich höhere Geschwindigkeiten als offene Meerespisten, sodass hier seit 2007 zahlreiche nationale und internationale Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt wurden. Auch der aktuelle Rekordinhaber fuhr hier die Bestzeit.
Aber lohnt sich dieser ganze Aufwand nur, um einen Rekord aufzustellen? „Nein“, erklärt Marc Amerigo ganz klar, „wir haben Windsurfen gewählt, weil ein Brett klein ist und wir den besten Mann weltweit dafür gewinnen konnten. Was wir wirklich wollen, ist die Innovation dahinter zu zeigen. Es ist ein ,proof of concept‘, das später in anderen Anwendungen zu finden sein soll.“ Einsatzgebiete wären nicht nur Wasserfahrzeuge, sondern auch Rotorblätter, bei denen Gewicht und Wiederverwendbarkeit der Materialien aktuell im Fokus des Interesses stehen.