Kunststoffe spielen im Frankfurter Industriepark Höchst seit fast 100 Jahren eine Rolle. 1928 begann die Firma Hoechst hier mit der Produktion von Polyvinylacetat. Später kam unter anderem Polyethylen (PE) hinzu, ein Polymer, das sich bis heute in vielfältiger Form in jedem Haushalt findet.
Kreislaufwirtschaft – oder Circular Economy – stand in der Vergangenheit nicht im Fokus der Kunststoffwelt. Dass sich das gerade ändert, kann man auch im Industriepark Höchst beobachten. Bei der seit 2021 hier ansässigen Firma Arcus Greencycling Technologies fahren regelmäßig Lkw vor und laden Big Packs mit zusammengepressten Kunststoffabfällen ab. „Das ist unser Rohstoff“, erklärt Geschäftsführer Daniel Odenthal. Die Schnipsel in den Ballen enthalten zum Beispiel das, was Haushalte über die in Deutschland übliche gelbe Tonne entsorgt haben und für das mechanische Recycling ungeeignet ist. Aber auch Industrieabfälle wie ausgediente Folien aus der Landwirtschaft oder Produktionsausschüsse nimmt Arcus gern.
Beitrag zur Kreislaufwirtschaft
In Deutschland landen derlei Abfälle bisher allerdings größtenteils in Verbrennungsöfen, anderswo auch auf Deponien. Arcus will sie so recyceln, dass andere Unternehmen daraus wieder neue Kunststoffe herstellen können – ein wichtiger Beitrag zur Circular Economy. Damit diese Verarbeitung gelingt, muss die Qualität der Zwischenprodukte gesichert sein. Und hier spielt Evonik eine wichtige Rolle.
Noch sind die Recyclingquoten bei Plastik sehr gering. Von den 2024 weltweit produzierten 431 Millionen Tonnen Kunststoff stammte nicht einmal jede zehnte aus wiederverwertetem Material. Dabei sind die Mengen an Kunststoffabfall gewaltig: 2022 etwa fielen weltweit fast 270 Millionen Tonnen an, davon gut ein Zehntel in der Europäischen Union. Nur knapp 38 Millionen Tonnen wurden davon global recycelt. Dagegen wurden 90 Millionen Tonnen thermisch verwertet – also zur Energiegewinnung verbrannt. Gut 103 Millionen Tonnen fanden ihr Ende auf einer Deponie.
Nur wenige Kunststofftypen werden sortenrein gesammelt und zurückgegeben. Getränkeflaschen aus Polyethylenterephthalat (PET) sind eine der seltenen Ausnahmen. Bei ihnen gelingt es recht gut, das Material im Kreislauf zu halten, indem alte Exemplare gereinigt, geschreddert, geschmolzen und so zur Herstellung neuer Flaschen genutzt werden. Fachleute sprechen von mechanischem Recycling, wenn das Material im Zuge der Wiederverwendung chemisch unverändert bleibt.
Chemisches Allerlei
Der große Rest gemischter Kunststoffabfälle, die nicht für das mechanische Recycling geeignet sind, ist ein Fall fürs chemische Recycling. Dabei werden die Polymere in Bestandteile zerlegt, aus denen man wieder neue Kunststoffe gewinnen kann.
Bisher spielt diese Technik mengenmäßig kaum eine Rolle, aber Firmen wie Arcus wollen das ändern. Dafür schlagen sie sich mit bunten Kunststoffgemischen herum, die nicht nur diverse Polymerklassen enthalten, sondern auch Zusätze wie Farbstoffe, Stabilisatoren, Weichmacher oder Flammschutzmittel. Hinzu kommen Verunreinigungen sowie Metalle oder Papier aus Verschlüssen und Etiketten. Ein chemisches Allerlei, das für mechanisches Recycling völlig ungeeignet ist.
Bei Arcus behandelt man solche Gemische mit Stickstoff und befördert sie dann per Saugschlauch in den Pyrolyseofen, das Herzstück der Anlage. Hier wird das ausgediente Polymer-Schnipsel-Gemisch unter Luftabschluss auf mehrere Hundert Grad Celsius erhitzt. Weil Sauerstoff fehlt, werden die langen Molekülketten in kleinere Bausteine zerlegt, ohne zu verbrennen. So erhält man am Ende einer Pyrolyse ein Gemisch aus Kohlenwasserstoffen, die, je nach Kettenlänge, als Gas, Flüssigkeit oder Feststoff anfallen.
»Aus einer Tonne Abfall erhalten wir 600 bis 650 Kilogramm Öl.«
Marco Tomasi Morgano CTO bei Arcus
Die Flüssigkeit, das Pyrolyseöl, macht dabei den Großteil aus und ist ein wichtiges Zwischenprodukt des chemischen Recyclings. „Aus einer Tonne Abfall erhalten wir abhängig vom Feedstock etwa 600 bis 650 Kilogramm Öl“, erklärt Dr. Marco Tomasi Morgano, der Technische Direktor (CTO) von Arcus. Mit dieser schwarzen Flüssigkeit verdient Arcus sein Geld. Abnehmer sind Betreiber von Steamcrackern, die damit einen Teil ihres erdölbasierten Rohstoffs ersetzen können.
In Steamcrackern entsteht das, was man für die Synthese neuer Kunststoffe benötigt, zum Beispiel Ethylen und Propylen. Diese Stoffe bilden nicht nur die Bausteine von Polyethylen und Polypropylen (PP), sondern sind auch an der Herstellung vieler weiterer Polymere beteiligt, etwa Polyvinylchlorid (PVC) oder Polystyrol (PS). Das Öl aus den Schnipseln alter Joghurtbecher oder Seifenspender liefert so das Ausgangsmaterial für neue Joghurtbecher und Seifenspender.
Steamcracker werden normalerweise mit Naphtha betrieben, einer bestimmten Fraktion aus der Erdölraffination. Prinzipiell können Steamcracker auch Pyrolyseöl verarbeiten. Allerdings bedarf dies einer Vorbehandlung. Das liegt daran, dass gemischte Plastikabfälle keine reinen Kohlenwasserstoffe sind. Ist etwa PVC enthalten, findet sich auch Chlor im Öl. Stickstoff wiederum kann über Polyamide, Polyurethane oder ABS-Copolymere eingetragen werden. Polycarbonate und Polyester bringen Sauerstoff mit, Silicone Silicium. Außerdem enthalten die Kunststoffabfälle Verunreinigungen wie zum Beispiel Lebensmittelreste.
Kleine Mengen, große Probleme
„Die drei Hauptprobleme im Pyrolyseöl sind Chlor, Stickstoff und Sauerstoff“, sagt Arcus-CTO Tomasi Morgano. Weil sie Korrosion verursachen oder den Katalysator im Steamcracker beschädigen können, machen die Betreiber strenge Vorgaben zur Qualität des eingespeisten Pyrolyseöls. „Bei Chlor sind in der Regel maximal zweistellige ppm-Werte zulässig“, so der Verfahrenstechnik-Ingenieur – ppm steht für „parts per million“, fünf ppm sind gerade einmal 0,0005 Prozent. Die Abfälle, die bei Arcus angeliefert werden, enthalten zum Teil mehr als ein Massenprozent Chlor. Da sich ein Teil der Verunreinigungen während der Pyrolyse in der Feststoff-Fraktion abscheidet, hat Öl aus der Arcus-Anlage noch Chloranteile im zweistelligen ppm-Bereich. Damit kommen die Betreiber von Steamcrackern derzeit zurecht. Denn bisher mischen sie Pyrolyseöl ihrem regulären Rohstoff Naphtha nur in kleinen Anteilen zu, sodass sich das Chlor – und auch andere Begleitstoffe – ausreichend verdünnen.
Doch dabei wird es kaum bleiben. Das chemische Recycling von Plastik dürfte weiter an Bedeutung gewinnen, weil die politischen Rahmenbedingungen die Abkehr von fossilen Rohstoffen verlangen. Zudem ist es für viele Unternehmen attraktiv, mit einer hohen Recyclingquote ihres Produkts zu werben. Wer etwa sein Shampoo in eine Flasche abfüllt, deren Polypropylen zu 20 Prozent auf pyrolysierten Kunststoffabfällen basiert, darf diese Quote auch für sein Produkt reklamieren.
Hendrik Rasch, der sich bei Evonik als VP Circular Packaging & Plastic Recycling des Globalen Next Markets Programs mit Kreislaufkonzepten für die Kunststoffbranche beschäftigt, rechnet daher auch mit einer zunehmenden Verfügbarkeit von Pyrolyseöl. „Derzeit entstehen weltweit viele neue Pyrolyseanlagen“, so Rasch. Damit steige auch der Anreiz für die Betreiber von Steamcrackern, Pyrolyseöl aus Plastikabfällen in größeren Beimengungen einzusetzen.
Doch es bedarf neuer technischer Lösungen, denn die Verunreinigungen sind für die Betreiber ein Risiko. „Wenn ein Cracker stillsteht, kostet das Millionen Euro pro Tag“, stellt Rasch klar. Es gilt also, störende Verunreinigungen aus Pyrolyseölen herauszuholen. „Genau dafür haben wir Produkte entwickelt“, sagt Rasch.
»Die Verunreinigung mit Chlor ist das größte Problem von Pyrolysebetreibern.«
Dan Miskin Chemieingenieur bei Evonik in Little Rock
Spezialisten in Arkansas
Mit „wir“ meint er vor allem ein Evonik-Team im fast 8.000 Kilometer entfernten Little Rock. Die Kollegen in der Hauptstadt des US-Bundesstaats Arkansas befassen sich schon seit vielen Jahren mit Katalysatoren und Adsorptionsmaterialien. „Pyrolyseprozesse sind im Trend, und daher haben wir uns vor einigen Jahren gefragt, ob wir mit unserer Expertise nicht auch etwas zur Behandlung von Pyrolyseölen bereitstellen können“, erinnert sich Dan Miskin, Evonik-Chemieingenieur in Little Rock. „Eine Umfrage unter Pyrolysebetreibern zeigte dann, dass die Verunreinigung mit Chlor deren größtes Problem ist.“
Zwar gibt es schon lange Produkte, die Chlorverbindungen aus Flüssigkeiten oder auch aus Gasströmen abtrennen. Auch Evonik hat mit Chlorocel eine eigene Produktlinie dazu. Doch in Pyrolyseölen liegt das Chlor organisch gebunden vor, und da kommen herkömmliche Chlorfänger an ihre Grenzen.
Zwei Prozessschritte in einem
Um dieses Marktbedürfnis zu adressieren, stieg das Evonik-Team zunächst tief in die Geschichte der Chlor-Adsorbentien ein. „Wir wollten verstehen, wie die einst entworfen wurden, um sie dann geeignet weiterentwickeln zu können“, erklärt Miskin. Einige Jahre und viele Testreihen später ist genau das gelungen. Anfang 2025 brachte Evonik in seiner Produktlinie Purocel drei Chlor-Adsorbens-Typen speziell für die Aufreinigung von Pyrolyseölen auf den Markt. Purocel 505 sticht dabei heraus. Die Evonik-Entwickler haben es so konzipiert, dass es zwei getrennte Prozessschritte vereint.
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„Erst katalysiert das Material die Abspaltung von Chlorwasserstoff aus den organischen Molekülen“, so Miskin, „und danach wird dieses HCl direkt festgehalten.“ Den zweiten Schritt sofort an Ort und Stelle zu ermöglichen, sei wichtig, so der Chemieingenieur, da das reaktive HCl ansonsten erneut organische Chloride bilden könne. Dann wäre nichts gewonnen.
„Testreihen haben gezeigt, dass Purocel 505 dreimal so viel Chlor aus Pyrolyseölen herausholt wie herkömmliche Produkte“, sagt Hendrik Rasch. Ergänzt wird es im Evonik-Portfolio von Purocel 510 und 515. Für welchen Typ sich ein Anwender entscheidet, hängt von den jeweiligen Anforderungen ab. Purocel 510 ist in Sachen Chlor nicht so leistungsstark wie 505, holt dafür aber auch weitere Verunreinigungen wie etwa Silicium, Stickstoff, Phosphor oder etwaige Säuren aus dem Öl. Außerdem kann man das Produkt bei Raumtemperatur einsetzen und durch starkes Erhitzen wieder regenerieren – und damit erneut einsetzen.
Auf mehreren Kontinenten testen Betreiber von Steamcrackern die neuen Produkte bereits an Pyrolyseölen. Für Purocel 510 gebe es dabei auch ein Komplettpaket, so Rasch. „Da bieten wir unsere Rocket-Technologie an. Das sind maßgeschneiderte und vorkonfigurierte Kolonnenmodule mit dem Adsorbens, die wir mitsamt Pumpen und vollständiger Prozesssteuerung liefern.“ Ähnliche Lösungen von Evonik werden bereits in der Ölraffination eingesetzt, etwa um Geruchs- und Farbprobleme zu beheben.
Anwender schalten so eine Rocket-Einheit zum Beispiel an den Ausgang eines Pyrolyse-Reaktors oder vor den Eingang eines Steamcrackers. Dank der Vorkonfiguration müssen Kunden nicht viel tun. „Bequeme Plug-and-Play-Technik“ nennt Rasch das. Die Rocket-Kolonnen heizen Purocel 510 sogar turnusmäßig auf, um es zu regenerieren.
EIN ZWEITES LEBEN FÜR KATALYSATOREN
Auch bei Arcus in Frankfurt finden die neuen Purocel-Typen und die Rocket-Einheit viel Gefallen. Allerdings will man die Pyrolyseöle derzeit nicht selbst reinigen. Das sei dort sinnvoller und wirtschaftlicher, wo größere Mengen im Spiel sind, also bei den Steamcracker-Betreibern. Geschäftsführer Odenthal sieht in den Evonik-Produkten nicht weniger als „einen Erfolgsfaktor dafür, nicht fossile Rohstoffe gängig für die bestehende Infrastruktur der Petrochemie zu machen“ – und so die dortigen Einsatzmengen von Pyrolyseöl zu steigern.
„Heutige Steamcracker wurden über Jahrzehnte optimiert“, so Odenthal, „aber eben für die herkömmlichen fossilen Naphtha-Qualitäten. Nur wenn es uns gelingt, Pyrolyseöle diesen standardisierten Qualitäten bestmöglich anzugleichen, werden sie noch besser akzeptiert werden.“
In der klassischen Petrochemie kennt man noch ein weiteres Verfahren, das das Adsorptionsverfahren bei der Aufreinigung von Pyrolyseölen ergänzen könnte: Hydrotreating. Dabei setzt man Wasserstoff zu, der dann mit chlor-, stickstoff- oder sauerstoffhaltigen Verunreinigungen zu flüchtigen Verbindungen reagiert. Für diese Technologie haben die Evonik-Experten in Little Rock Metallkatalysatoren entwickelt, die inzwischen in der Reihe Purocel H vermarktet werden.
Im Unterschied zu anderen auf dem Markt befindlichen Katalysatoren handelt es sich dabei um recycelte Produkte. Evonik setzt eine eigens entwickelte Technologie ein, die altersschwach gewordene Katalysatoren einer Verjüngungskur unterzieht. Danach stehen die Katalysatoren neuen Exemplaren in ihrer Leistung in nichts nach. Anwender, die auf diese Purocel-H-Typen setzen, sparen gegenüber neu hergestellten Katalysatoren nicht nur Geld, sondern verbessern durch die Wiederverwendung auch ihren CO2-Fußabdruck.
Mit den neuen Purocel- und Purocel-H-Produkten hat Evonik sein Additivspektrum für die Petrochemie weiter ausgebaut. Schon lange kennt und nutzt die Branche andere Additive von Evonik, wie etwa die Pour Point Depressants der Marke Viscoplex. Das sind Produkte, mit denen Anlagenbetreiber Öle flüssig halten, indem eine Kristallisation verhindert wird, um die Öle auch bei niedrigen Temperaturen pumpfähig zu halten. Auch Arcus in Frankfurt setzt in seiner Anlage Viscoplex ein, um die bei der Pyrolyse ebenfalls anfallenden Wachse fließfähig zu halten. Weitere Additive, insbesondere für Crackerbetreiber, hat Evonik in der sogenannten SiYPro-Produktreihe zusammengefasst. Das Kürzel steht für „Simplify Your Process“ – und ist damit Programm. Denn die jeweiligen Produkte haben den Zweck, störenden Effekten im Crackingprozess entgegenzuwirken.
»Wenn ein Steamcracker stillsteht, kostet das Millionen Euro pro Tag.«
Hendrik Rasch VP Circular Packaging & Plastic Recycling bei Evonik
Es ist also alles vorbereitet, um mit Pyrolyseölen aus Plastikabfällen dafür zu sorgen, dass mehr Kunststoff im Kreislauf bleibt. Das Potenzial wäre riesig: Aus den weltweit gut 200 Millionen Tonnen Kunststoffmüll, die 2022 verbrannt oder deponiert wurden, ließen sich theoretisch etwa 120 Millionen Tonnen Pyrolyseöl gewinnen. Noch fehlen freilich die Kapazitäten für solche Mengen. Arcus etwa verarbeitet derzeit gerade einmal 4.000 Tonnen im Jahr, plant allerdings den Bau einer Anlage mit sechsfacher Kapazität.
Bis auf Weiteres werden die meisten Steamcracker-Betreiber Pyrolyseöl ihrem Naphtha nur beimischen. Hendrik Rasch sieht aber gute Chancen, dass der Anteil weiter steigt: „Ich denke, dass hier mittelfristig zehn Prozent Öl denkbar sind.“ Dass dann Spuren von Chlor, Stickstoff, Sauerstoff oder Silicium keine Spielverderber sind – dafür sorgen Evonik-Produkte.