Manchmal kommt Fortschritt sehr teuer. Anfang Februar stellte das US-Unternehmen Anthropic, eines der führenden Start-ups auf dem Feld der künstlichen Intelligenz, neue Funktionen seiner Assistenzsoftware Cowork vor. Sie kann nun ganze Aufgabenpakete mehr oder weniger selbstständig übernehmen: etwa programmieren, Compliance-Prozesse überwachen oder juristische Gutachten erstellen. Die Folge: Innerhalb eines Tages wurden rund 285 Milliarden US-Dollar an der Börse vernichtet – denn Investoren stießen Aktien von Unternehmen ab, denen Cowork die Basis entziehen könnte.
Statt dem Menschen bloß zu assistieren, zielt Cowork darauf, anspruchsvolle Tätigkeiten zu substituieren. Etwas, das selbst den Anthropic-Chef beunruhigt: Dario Amodei warnt, dass KI-Anwendungen in wenigen Jahren rund 50 Prozent aller Einstiegsjobs im Büro- und Verwaltungsbereich überflüssig machen könnten.
Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz ist eine der Entwicklungen, die das Foresight-Team von Evonik im Rahmen des Projekts „GameChanger 2035“ tiefgreifend analysiert hat. Im Fokus stehen disruptive Entwicklungen und Erfindungen mit dem Potenzial, wirtschaftliche, militärische und soziale Strukturen grundlegend zu verändern. Für KI gilt das allemal.
Künstliche Intelligenz als Ministerin
Bereits heute besetzen künstliche Intelligenzen prestigeträchtige Jobs. So wurde der albanische Chatbot Diella 1.0 Anfang 2025 zur Ministerin für künstliche Intelligenz berufen. Die Nachfolgeversion Diella 2.0, die nicht nur Text, sondern auch Stimme versteht und deren Avatar in albanischer Tracht auftritt, ist mehr als ein PR-Gag. Schrittweise soll sie die Zuständigkeit über öffentliche Ausschreibungen übernehmen und dafür sorgen, dass Vergabeverfahren frei von Korruption sind.
Dass die Einführung neuer Technologien jedoch zuweilen auch Reibungen verursacht, zeigt die Klage der Schauspielerin Anila Bisha, die nach eigener Aussage nicht um Erlaubnis für die Verwendung ihrer Stimme und ihres Konterfeis gebeten wurde.
Selbst in sensiblen Bereichen wie der Psychologie erhält die KI Einzug. Bisher nicht unmittelbar am Patienten, aber in Versuchen mit aufgezeichneten Gesprächen kamen die Maschinen schon zu Antworten und Ergebnissen, die die menschlichen Therapeuten tief beeindruckten – weil sie besser waren. Auch in die Schlafzimmer dringt die künstliche Intelligenz vor. So steht ChatGPT kurz vor der Einführung eines „Erwachsenenmodus“. Damit soll es Volljährigen möglich sein, erotische Gespräche mit dem Chatbot zu führen – immer mehr Kunden wünschten sich so ein Feature, heißt es beim ChatGPT-Betreiber Open AI.
Labors ohne Menschen
Die Beispiele zeigen: KI-Anwendungen sind ein wahrer Gamechanger, der sich mit rasanter Geschwindigkeit in alle Bereiche des Lebens verbreitet. Schon bald werden KI-Systeme auch in großem Stil in der Chemieindustrie zum Einsatz kommen – etwa in der Forschung, wie es das A-Lab am Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien vormacht. Das A steht für „autonom“: Um die Synthese neuer Materialien zu beschleunigen, lässt man hier eine künstliche Intelligenz eigenständig ein ganzes Labor führen. Sie überlegt sich Experimente, führt sie durch und analysiert die Ergebnisse –rund um die Uhr, ohne menschliches Eingreifen und 50- bis 100-mal so schnell wie Menschen.
Das Foresight-Team evaluiert, wann und bei welchen Aufgaben solche Systeme in Zukunft die Innovationskraft von Evonik steigern können. Denn eines ist sicher: Auch in der Forschung wird KI die Spielregeln verändern.
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