In der Marler Glasbläserei geht es heiß her: Bei Temperaturen von 1.250 bis 1.350 Grad formen Martin Merkel und Udo Musholt Glasrohlinge zu maßgeschneiderten Spezialanfertigungen für Forschung, Verfahrenstechnik und Produktion.
Neue Herausforderungen für altes Handwerk
„Aus den Rohlingen – 1.500 Millimeter langen Rohren mit Durchmessern von drei bis 250 Millimetern – entstehen zum Beispiel Glaskolonnen mit einem Volumen von mehreren Litern, beheizte Glasbehälter oder Kühler mit Spiralen im Inneren“, sagt Glaskoordinator Merkel. Sein Kollege Musholt ergänzt: „Wir haben auch schon große Versuchsanlagen für die Ausbildung an verschiedenen Standorten hergestellt.“ Standardware wie Erlenmeyerkolben oder Reagenzgläser gehören nicht zum Angebot. Sie werden industriell hergestellt und von Evonik eingekauft.
Merkel und Musholt erlernten das Handwerk des Glasapparatebauers in den 1980er-Jahren in Marl. Wer aber glaubt, die Arbeit von Martin Merkel und Udo Musholt sei nicht zukunftsträchtig, hat weit gefehlt. Gerade wenn es um neue Produkte, innovative Verfahren oder komplexe Versuchsanlagen geht, sind ihre Fähigkeiten unverzichtbar. „Die Versuchsaufbauten haben sich natürlich verändert“, sagt Merkel. „Deshalb stellen wir heute auch ganz andere Spezialanfertigungen her als früher. Das Handwerk aber ist das gleiche geblieben.“
Ohne die maßgeschneiderten Lösungen der Glasbläserei wären zukunftweisende Prozesse, Produkte und Verfahrensentwicklungen nur mit deutlich höherem Kosten‑ und Zeitaufwand realisierbar gewesen. Besonders in der Verfahrensentwicklung – etwa im Bereich der Extraktion oder bei destillativen Fragestellungen – werden regelmäßig spezielle Sonderanfertigungen benötigt, um den Übergang vom Labor- in den Technikumsmaßstab effizient und termingerecht zu gestalten. Bei laufenden Pilotierungs-Projekten wie zum Beispiel Rhamses und Rheticus trägt zudem auch die fachgerechte Reparatur wichtiger Glasapparaturen dazu bei, den Fortschritt der Projekte sicherzustellen.
Lass uns reden!
Der Weg zum fertigen Instrument beginnt mit einem Gespräch. „Wir tauschen uns direkt mit den Kunden darüber aus, was gewünscht wird und wie sich das umsetzen lässt“, so Merkel. Dabei helfen Fotos und Skizzen. Sobald eine Idee abgenickt ist, machen sich die Glasexperten ans Werk. „Wir arbeiten für alle Evonik-Standorte“, sagt Merkel. „So haben wir über die Jahre viele spannende Projekte umgesetzt.“
Die Farbe der Hitze
Bei der Arbeit sind Sorgfalt und viel Gefühl gefragt. An der Farbe erkennen die Fachleute, wann das Glas verarbeitungsfähig ist. Danach blasen sie durch einen Schlauch Luft hinein oder saugen sie ab, bis das Werkstück die gewünschte Form hat. „Erhitztes Glas ist so zähflüssig wie Honig“, so Musholt. Deshalb muss es bei der Arbeit ständig gedreht werden, ansonsten würde es sich verformen. Um das Glas flachzudrücken, benutzen die Glasbläser Spezialwerkzeuge in verschiedenen Formen.
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Die Arbeit an einem Werkstück kann mehrere Stunden dauern und darf nicht unterbrochen werden. Erhitzte man das Glas erneut, würde es direkt zerspringen. Ist ein Glasteil fertig, geht es in die Kühlung – wobei Kühlung relativ zu verstehen ist. Gekühlt wird in einem Ofen bei 550 Grad. Nur so kann das Glas entspannen, ohne zu zerspringen.
Die beiden Glasapparatebauer verarbeiten vor allem Laborglas – das sogenannte Borosilikatglas. Die Behälter können dann bei Temperaturen bis 300 Grad eingesetzt werden. Merkel und Musholt bauen aber auch Apparate aus Quarzglas, das spezielle Anforderungen erfüllt. Es ist besonders temperaturbeständig, dehnt sich nur wenig aus und ist sehr stabil. Quarzglas wird nicht bei den üblichen Temperaturen, sondern bei 2.000 Grad verarbeitet. Auch das Schleifen, Sägen und Bohren von Glas gehört zu den Aufgaben der Glasexperten.
Auch Reparaturwerkstatt
Weil der Bau von Spezialanfertigungen aufwendig und kostspielig ist, werden zahlreiche Spezialapparate in der Glasbläserei repariert, etwa Glasrührer, die mit kalibrierten Wellen verbunden sind. „Eine kalibrierte Welle ist sehr teuer, ein Rührblatt auszutauschen viel günstiger“, so Merkel. Auch Glasschliffe – also die Verbindungsstücke zwischen zwei Glasgeräten – werden angepasst oder repariert. „Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Stopfen auf einem Glasbehälter nicht mehr richtig sitzt“, erklärt Merkel. Dringende Reparaturen kann die Glasbläserei auf Anfrage innerhalb von 24 Stunden erledigen: „So können sich die Kollegen schnell wieder an die Arbeit machen.“
Der Chemiepark Marl
Der Chemiepartk Marl ist einer der größten Chemiestandorte in Deutschland.
Rund 100 Produktionsanlagen stehen in einem engen stofflichen und energetischen Verbund und werden zum größten Teil rund um die Uhr betrieben.
Der Produktionsschwerpunkt im Chemiepark Marl ist die Umsetzung von petrochemischen Rohstoffen wie Benzol, Ethylen, Propylen, Methanol und Phenol zu Basis-, Fein- und Spezialchemikalien – vom C4-Schnitt zu Folgeprodukten, von der Chlorelektrolyse zu PVC, vom Acetylen zu Tetrahydrofuran, von Fettalkoholen und Ethylenoxid zu Tensiden und von Acrylsäure zu Butylacrylat, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Glasbläserei ist Teil der Analytik bei Group RD&I der Envonik Inndustries AG