Die Debatte über nachhaltige Entwicklung steht an ihrem Wendepunkt und das ist gut so. Häufig standen bisher Ambitionen oder politische Programme im Mittelpunkt. Doch das ändert sich: Heutzutage muss sich Nachhaltigkeit in einer Welt behaupten, die von geopolitischen Spannungen, volatilen Märkten und technologischen Umbrüchen geprägt ist.
Manchem scheint es, als sei sie in so einer Welt weniger relevant. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie ist mehr denn je Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt, wirtschaftliche Stabilität und ökologischen Wandel. Aber der Kontext ändert sich: Nachhaltigkeit wird konkreter, realer. Ihr Erfolg wird daran gemessen, ob Lösungen unter realen Bedingungen funktionieren.
»Nachhaltigkeit ohne Resilienz bleibt fragil. Resilienz ohne Nachhaltigkeit ist nicht zukunftsfähig. Beides gehört zusammen.«
Ralf Düssel Senior Vice President und Group Head Sustainability bei Evonik
Nachhaltigkeit und Resilienz gehören zusammen
Seit Jahrzehnten arbeiten Wirtschaft, Wissenschaft und Politik daran, Ressourcen effizienter zu nutzen, Emissionen zu senken und Kreisläufe zu schließen. In den vergangenen Jahren ist jedoch der Druck gestiegen, Lösungen schnell, verlässlich und unter realen Marktbedingungen umzusetzen.
Damit rückt das Thema Resilienz in den Vordergrund. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie empfindlich globale Wertschöpfungsketten sind. Energiepreise, Rohstoffverfügbarkeit und geopolitische Risiken schlagen sich unmittelbar in unternehmerischen Entscheidungen nieder. Gefragt sind skalierbare Lösungen, die sich in bestehende Systeme integrieren und auch dann einen Mehrwert schaffen, wenn sich die Bedingungen rasch ändern.
Das zeigt: Nachhaltigkeit ohne Resilienz bleibt fragil. Resilienz ohne Nachhaltigkeit ist nicht zukunftsfähig. Beides gehört zusammen.
ELEMENTS-Newsletter
Erhalten Sie spannende Einblicke in die Forschung von Evonik und deren gesellschaftliche Relevanz - ganz bequem per E-Mail.
Für die nachhaltige Entwicklung ist das eine gute Nachricht. Gute Absichten und klangvolle Ziele allein reichen nicht mehr. Es braucht die konsequente Umsetzung. Lösungen setzen sich unter diesen Bedingungen nur durch, wenn sie ökologische Wirkung mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit und struktureller Stabilität verbinden.
Was zählt, ist die Tat
Das zeigt sich zum Beispiel in der Energiewende. Grüner Wasserstoff gilt als Schlüssel zur Defossilisierung der Industrie. Doch noch hemmen zu hohe Kosten und mangelnde Skalierbarkeit den Markthochlauf.
Eine Lösung könnten neuartige anionenleitende Membranen bieten, wie sie das Chemieunternehmen Evonik entwickelt. Diese Membranen sind das Herzstück der sogenannten AEM-Wasserelektrolyse. Mit diesem Prozess lässt sich grüner Wasserstoff besonders effizient und unter Nutzung günstigerer Materialien als bisher herstellen. Damit rückt sein Einsatz im industriellen Maßstab deutlich näher.
Fortschritt entsteht im Zusammenspiel
Ähnlich verhält es sich in der Kreislaufwirtschaft: Chemisches Recycling, insbesondere die Pyrolyse, kann große Mengen bislang nicht verwertbarer Kunststoffabfälle erschließen. Pyrolyseöl enthält jedoch häufig Verunreinigungen, die den Einsatz in Steam-Crackern begrenzen.
Erst durch gezielte Aufbereitung mithilfe spezieller Adsorbentien und Hydrierkatalysatoren, wie Evonik sie entwickelt hat, wird daraus ein breit nutzbarer Rohstoff. Lösungen, die solche Verunreinigungen entfernen und sich zugleich in bestehende industrielle Prozesse integrieren lassen, senken die Hürden für eine breite Anwendung erheblich.
Diese Beispiele verdeutlichen auch auf anderer Ebene einen grundlegenden Wandel. Nachhaltige Entwicklung entsteht heute im Zusammenspiel vieler Akteure. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Politik bringen unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen ein. Fortschritt entsteht dort, wo dieses Wissen zusammengeführt wird und gemeinsam tragfähige Lösungen entstehen.
Für international tätige Unternehmen stellt sich damit eine strategische Frage: Wie lassen sich globale Exzellenz und regionale Resilienz verbinden?
Die Antwort liegt in der Verknüpfung von Internationalisierung, Marktnähe und Resilienz: Innovation dort, wo Ökosysteme stark sind. Anwendungsentwicklung dort, wo Märkte dynamisch sind. Produktion dort, wo die Kunden sind. Und all das verknüpft mit einer Geschäftsstrategie, die Nachhaltigkeit von Anfang an integriert.
Lösungen verfügbar machen
Nachhaltige Entwicklung nach 2030 wird daher weniger von neuen Zieldefinitionen geprägt sein als von der Fähigkeit zur Umsetzung. Entscheidend ist, ob es gelingt, Lösungen breit verfügbar zu machen, wirtschaftlich tragfähig zu gestalten und in stabile Systeme zu überführen.
Die gute Nachricht ist: Viele der notwendigen Ansätze existieren bereits. Die Herausforderung liegt darin, sie gemeinsam in die Breite zu bringen. Das erfordert verlässliche politische Rahmenbedingungen ebenso wie Kooperation. Nur so wird aus ambitionierten Plänen konkrete Wirkung.