Server Infos
Server:
Server IP:
Environment:
Authorized User:
cm-p115160-e1228952-aem-publish-74ff6568c4-x8rs4
172.17.209.194
publish,local

Wie am Schnürchen

Lesedauer 9 min
04. Mai 2026

Seide fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Jetzt lässt sich der kostbare Stoff sogar auf biotechnologischem Weg herstellen. Gemeinsam mit der Firma Amsilk produziert Evonik das Vorprodukt für eine Hochleistungs­faser mittels ­Fermentation – nach dem ­Vorbild der Natur.

Sina Horsthemke
Von Sina Horsthemke

Wissenschaftsjournalistin in München. Die Diplombiologin schreibt vor allem über Gesundheitsthemen. und Biotechnologie

So unscheinbar das Gebäude südwestlich der Münchner Stadtgrenze von außen wirken mag – innen lässt sich ein faszinierender Prozess bestaunen: Aus einer wasserhahngroßen Düse mit 40 winzigen Löchern quillt unter Druck eine zähflüssige Masse in einen Kolben voll transparenter Flüssigkeit. Plötzlich bilden sich dünne Fäden, die wie in Zeitlupe auf den Glasboden sinken. Nur wenige Menschen haben die Gelegenheit, das Spektakel aus der Nähe live anzusehen. Die beiden Chemieingenieure neben der Anlage tragen Schutzkleidung, um den Effekt zu zeigen, den sie hier „Magic Moment“ nennen.

Was die Mitarbeiter in der Spinnerei des Biotech-Unternehmens Amsilk in Planegg so anschaulich vorführen, geschieht sonst im Verborgenen. Es bleibt daher geheim, wie die 40 Filamente im Innern der Maschine bis zu 80-fach in die Länge gezogen und zu einem feinen Faden vereint werden.

Ein Düse in klarer Flüssigkeit. Nach unten strömen Fäden hinaus. Das Glas ist purpurfarben beleuchtet.

Ein Kilometer Faden, neun Gramm schwer

Einsehbar ist dafür die Spinnanlage, in der dieser Faden zuerst durch ein Wasserbad läuft, weiter zum Trocknen über beheizte Walzen eilt und schließlich auf eine unterarmlange Spule gewickelt wird. Sie wird am Ende dieses Spinnprozesses einen Kilometer Faden tragen, der gerade mal neun Gramm auf die Waage bringt. Die Schnur schimmert wie Perlmutt, ist fein wie Haar und weich wie Seide – Spinnenseide, um genau zu sein. Denn das Vorbild für das Produkt von Amsilk ist jener Faden, den Seidenspinnen zu Netzen verweben, um ihre Beute zu fangen.

Portrait Ulrich Scherbel

»Unser Protein in eine großtechnische Produktion zu bringen war eine Herausforderung.«

Ulrich Scherbel CEO von Amsilk

Luxusunternehmen als Erstkunden

„Es handelt sich um das stärkste natürliche Protein der Welt, der Faden ist zweieinhalbmal so zugfest wie Stahl“, schwärmt Amsilk-CEO Ulrich Scherbel. „Kein Wunder, dass die Spider-Man-Geschichte die Menschen fasziniert. Spinnenseide aus Proteinen in nennenswerten Mengen herzustellen ist aber lange niemandem gelungen.“ Amsilk schon – zuerst im Kleinen im Labor und nun gemeinsam mit Evonik im Industriemaßstab.

Das Interesse an dem innovativen Material ist groß, die Namen der Kunden, die es bereits verarbeiten, sind weltweit bekannt. Die Faser findet sich in Blusen der diesjährigen Frühjahrskollektion des Pariser Modekonzerns Balenciaga. Sie wird in Uhrenarmbändern der Luxusmarke Omega verarbeitet.

Und schon 2022 gab Amsilk eine Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz bekannt: Die Türgriffe im Innern des Konzeptautos Vision EQXX enthalten Seidenfasern. In immer mehr Anwendungen spielen Spinnenseidefäden inzwischen eine Rolle. Die Nachfrage steigt, weshalb Evonik und Amsilk ihre seit 2021 bestehende Zusammenarbeit im Herbst vergangenen Jahres ausgebaut haben.

Ein feiner Faden läuft über eine Spule.

Vorteile für Klima und Umwelt

Denkbar ist der Einsatz biotechnologisch erzeugter Spinnenseide in mehr als 20 Branchen, etwa in der Kosmetik­industrie als Ersatz für Silikone in Shampoos, in der Landwirtschaft und im Gesundheitsbereich: „Wir wissen zum Beispiel, dass der Körper Implantate, die mit Spinnenseide umhüllt sind, besser toleriert“, berichtet Amsilk-Chef Scherbel. „Und beschichten wir Pflanzensamen damit, verdoppelt sich deren Haltbarkeit.“ Zum ersten Mal kam die Hochleistungsfaser von Amsilk in der Textilindus­trie zum Einsatz – als Alternative für natürliche Seide und andere Materialien. Die Branche hat innovative Lösungen dringend nötig. Laut Europäischer Umweltagentur ist sie der drittgrößte Verursacher von Wasserverschmutzung und Landnutzung. Der EU-Plan, bis 2050 eine Kreislaufwirtschaft zu erreichen, zielt deutlich auch auf die Textilindustrie.

Das Amsilk-Material ist nachhaltiger als viele andere Textilien. Da die Zusammensetzung der Fäden der des natürlichen Vorbilds entspricht, ist es vollständig biologisch abbaubar – anders als etwa eine Polyesterfaser. Die Produktion ist klima- und umweltfreundlicher als die konventionell hergestellter Seide. Diese stammt vor allem aus den Kokons der Raupen des Maulbeerspinners, eines in China beheimateten Nachtfalters. Echte Spinnenfäden, das Vorbild für das Amsilk-Produkt, lassen sich zwar aus gezüchteten Spinnen gewinnen und zur Seidenherstellung nutzen, der Prozess ist jedoch extrem aufwendig, und die Mengen sind winzig.

Dünne Fäden laufen über eine Metallwalze.

Bakterien ersetzen SPINNEN

Verglichen mit der Gewinnung und Herstellung ­traditioneller Maulbeerseide ist für die biotechnologische Herstellung von Spinnenseide laut Amsilk um 97 Prozent weniger Wasser und 92 Prozent weniger Land­fläche nötig, der CO2-Fußabdruck ist um 81 Prozent kleiner. Zudem erlaubt das Amsilk-Verfahren die Produktion von Seidenfäden in weitaus größeren Mengen, als die Natur sie hergibt. Um ein Kilo Seide mithilfe von Maulbeer­spinnern zu erzeugen, braucht man die Kokons von etwa 15.000 Raupen. Mit der Technologie von Amsilk entsteht an nur einem Arbeitstag die hundertfache Menge Protein, die fast vollständig zu Fasermaterial verarbeitet werden kann. „Die Textilbranche braucht dringend nachhaltige Lösungen wie diese“, sagt CEO Scherbel.

Bei Amsilk stehen am Anfang des seidenen Fadens keine Spinnen, sondern Bakterien. Seitdem die Wissenschaft in der Lage ist, Gene präzise zu analysieren und zu verändern, kann sie die Einzeller in winzige Fabriken verwandeln. Dafür wird ein DNA-Abschnitt, der den Bauplan für das gewünschte Molekül enthält, durch elektrische Impulse in das Innere der Mikroorganismen gebracht. Die gentechnisch veränderten Bakterien benötigen dann nur noch viel Zucker, die passenden, bei Evonik hergestellten Aminosäuren sowie optimale Lebensbedingungen, um sich zu vermehren und das Seidenprotein en masse zu produzieren.

Eine Petrischale mit einer beigen Flüssigkeit.

91.765 Tonnen Seide

wurden 2020 weltweit aus den Kokons von Raupen produziert.

Helfer im Verborgenen

Der Prozess dahinter nennt sich Fermentation und wird seit Jahrhunderten genutzt, um Lebensmittel haltbar zu machen oder Bier und Wein herzustellen. Lange Zeit wusste man nicht, dass Mikroorganismen dabei die entscheidende Rolle spielen.

Erst der französische Biochemiker Louis Pasteur zeigte im 19. Jahrhundert, dass Bakterien für die sogenannte Milchsäuregärung verantwortlich sind. Die moderne Präzisionsfermentation mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen nimmt seit rund 40 Jahren Fahrt auf und ist aus der Biotechnologie heute nicht mehr wegzudenken: Prognosen gehen bis 2030 von einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von Produkten auf Fermentations­basis um 43 Prozent aus – auf einen Marktwert von mehr als 35 Milliarden US-Dollar.

Gentechnisch veränderte Mikroorganismen dazu zu bringen, durch Gärung Seidenprotein herzustellen, klingt allerdings einfacher, als es ist – zumindest wenn man wie Amsilk große Mengen benötigt: Was in einem Zweilitergefäß im Labor gut funktioniert, muss im 50.000-Liter-Tank noch lange nicht reibungslos klappen. „Das Protein in geeigneten Ausbeuten zu fermentieren und in eine großtechnische Produktion zu bringen war eine Herausforderung“, berichtet Amsilk-CEO Scherbel von den Anfangszeiten des Unternehmens, das 2008 als Ausgründung der Technischen Universität München entstand.

Eine Frau kniet neben einem etwa einen Meter hohen Fermenter und zieht eine Probe.

Die Erfahrung von Evonik als Produktionspartner kommt daher gerade recht. Der Biotech-Hub des Chemieunternehmens ist seit Jahren spezialisiert auf die industrielle Fermentation von Bioprodukten für Tierfutter, Kosmetik oder Medizin. In einer Evonik-Anlage gelang es erstmals, größere Mengen Seidenprotein herzustellen.

Scherbel muss schmunzeln, wenn er an den Beginn der Zusammenarbeit denkt: „Es stellte sich schnell heraus, dass wir bei Amsilk zwar viel darüber wissen, wie sich unser Produkt im Labor verhält, von Fermentation im Industriemaßstab aber ungefähr so viel Ahnung hatten wie vom Raketenbau.“ Die Evonik-Fachleute hätten immer an das Seidenprotein geglaubt und ihr Wissen eingebracht, „sodass wir den Prozess schließlich industriefähig machen konnten“

Blick auf die beige Flüssigkeit durch ein Kontrollfenster.

96 Prozent

der natürlichen Seide auf dem Weltmarkt stammt aus China und Indien.

Aus dem Labor in die Industrie

Wer sich davon überzeugen will, sollte von Scherbels Büro in Bayern 750 Kilometer gen Osten fahren, bis tief in die Slowakei. Dorthin, wo am Fuß der Niederen Tatra und im Schatten einer Burg das Örtchen Slovenská Ľupča liegt. Für die Menschen, die hier leben, ist das Chemiewerk Evonik Fermas ein wichtiger Arbeitgeber, für die Biotechnologiebranche ist es ein international bedeutender Produktionsstandort. 23 Tanks mit je 50 Kubikmetern Fassungsvolumen befinden sich in der riesigen Fermentationshalle, in der Pumpen und Motoren sonor brummen und selbst im Winter warme Temperaturen herrschen. Es riecht wie in einer Backstube.

Eine Industriehalle von innen, zu sehen sind große Fermentatoren.
Portrait Richard Vereš

»Für das Seidenprotein waren einige technische Änderungen in unserer Anlage nötig.«

Richard Vereš Leiter Technologie und Prozessentwicklung bei Evonik Fermas

Gelbe Linien markieren die sicheren Wege. Schutzbrille, Ohrenschützer und Sicherheitsschuhe sind für jeden hier obligatorisch. Im Kontrollzentrum überwachen Fachleute im Schichtdienst rund um die Uhr die Fermentation, kontrollieren beispielsweise Druck, pH-Wert, Temperatur und Zuckergehalt. Direkt davor steht ein Lkw-hoher Tank, der allein Amsilk vorbehalten ist: Milliarden von Mikroorganismen produzieren darin Seidenprotein.

Der Prozess, der im Darchinger Labor entstand, wurde 2020 hier in den industriellen Maßstab überführt. Seitdem wird er ständig optimiert, um noch größere Mengen zu produzieren, berichtet Richard Vereš, Leiter Technologie und Prozessentwicklung bei Evonik ­Fermas. „Wir starten hier mit einzelnen Labor­experimenten, um uns mit einem neuen Produkt vertraut zu machen. Danach beginnen wir mit dem Hochskalieren.“

Manchmal rät Evonik dem Kunden, das Erbgut der Bakterien, die Zutaten oder die Reihenfolge der Isolationsschritte für die industrielle Herstellung anzupassen. Bis die Produktion eines Proteins im Großtank bei gleicher Qualität wie im Labor gelingt, können Wochen, manchmal sogar Monate vergehen.

Eine Zentrifugiereinheit

90 Prozent

der weltweit gehandelten Seide stammt vom Maulbeerseidenspinner.

Die größte Herausforderung bei der Herstellung von Seidenprotein ist es, die Zielmoleküle aus der Bakterien­lösung zu isolieren und zu reinigen – nur dann lassen sie sich zu einem Faden spinnen. Um die notwendige Qualität sicherzustellen, entwickelten die Experten von ­Evonik ein mehrstufiges Verfahren.

„Für das Seidenprotein waren einige technische Änderungen in unserer Anlage nötig“, berichtet Vereš. „Wir brauchten zum Beispiel neue Spezial­geräte für den Zellaufschluss.“ Sie ermöglichen einen entscheidenden Schritt der Isolation. Die Geräte brechen die Bakterienzellen auf, die dann das Protein freigeben.

Mehrfach wird die Lösung danach zen­trifugiert, bis nur noch Spinnenseideprotein übrig bleibt. Während der Verarbeitung durchläuft die Mischung mehrere Klärungs- und Konzentrationsstufen, wobei sie sich schrittweise in eine verfeinerte und konzentrierte Protein­lösung verwandelt. Nachdem im Trockner das Wasser ­verdampft ist, bleibt Proteinpulver übrig, das in Fässern zu je 20 Kilogramm an die Spinnerei geliefert wird. Durch neue Geräte, die Evonik speziell für Amsilk angeschafft hat, hat sich die Kapazität verdoppelt, die Verarbeitungszeiten wurden entscheidend verkürzt.

Laborantin ­Kristína Gaboňová steht in weißer laborkleidung an einem Messgerät.

32 Kilogramm

Maulbeerblätter müssen an Raupen verfüttert werden, um ein T-Shirt herzustellen.

Es geht immer noch Besser

Weil jede noch so kleine Veränderung der Parameter die Qualität des Seidenproteins beeinträchtigen kann, wird dessen Reinheit in Slovenská Ľupča streng überwacht. Regelmäßig nehmen die Beschäftigten während des Downstream-Prozesses Proben – Hunderte pro Charge. Sie werden akribisch im Labor kontrolliert. Die Messergebnisse übermittelt Evonik Fermas mehrmals pro Woche an Amsilk. Das fertige Pulver muss eine ausreichende Reinheit aufweisen, damit sich ein Faden später spinnen lässt. „Die heutigen Proben weisen eine höhere Reinheit als in den Vorjahren auf und liegen alle über dem erforderlichen Niveau“, berichtet Laborleiter Juraj Kasala nach einem Blick auf den Bildschirm. „Es hat Jahre gedauert, den Prozess so zu optimieren, dass die Qualität stabil bleibt.“

Portrait Tim Pohlmann

»Wir freuen uns, gemeinsam mit Amsilk das Verfahren immer weiter zu verbessern.«

Tim Pohlmann Leiter des weltweiten Geschäfts für Lohnherstellung im Bereich Fermentation von Evonik

Begleitet haben diesen Prozess Tim Pohlmann und Ronald Mathä. Der Chemiker und der Biotechnologe reisen regelmäßig aus Deutschland nach Slovenská Ľupča. Die Evonik-Experten kümmern sich um die Auftragsfertigung im Bereich der mikrobiellen Fermentation: Sie ermöglichen Kunden die wirtschaft­liche Herstellung ihrer Produkte bei Evonik und öffnen Start-ups Türen zu globalen Partnern. „Wir freuen uns, den Weg mit Amsilk zu gehen und das Verfahren immer weiter zu verbessern“, sagt Pohlmann. Dem Chemiker ist es wichtig, dass beide Partner eng zusammenarbeiten: „Evonik sorgt für Transparenz, und wann immer Herausforderungen auftreten, lösen wir sie im Team.“ Das funktioniert so gut, dass die Kapazität der mit Ökostrom betriebenen Anlage in Slovenská Ľupča seit dem Produktionsstart 2023 vervierfacht wurde – jeden Monat entstehen in der Slowakei heute mehrere Tonnen Seidenprotein.

Eine Hand im violetten Gummihandschuh hält eine Petrischale mit weißlichem Pulver.

1 Kilogramm

Seide reicht für die Produktion von sechs Schals.

Ronald Mathä fasziniert besonders die Nachhaltig­keit des Prozesses: „Wir brauchen beim Fermentieren keine gefährlichen Chemikalien. Zucker, in diesem Fall Glukose­sirup, ist die wichtigste Zutat, um mithilfe von Bakterien in einem lebenden System nahezu jedes gewünschte Produkt herzustellen.“ Zum Beispiel ein Pulver aus Proteinmolekülen, die sonst nur im Hinterleib von Spinnen entstehen.

ELEMENTS-Newsletter

Erhalten Sie spannende Einblicke in die Forschung von Evonik und deren gesellschaftliche Relevanz - ganz bequem per E-Mail.

Doch wie wird dieses Pulver nun zu einem zugfesten Faden, der später vielleicht in einer Seidenbluse, einem Uhrenarmband oder dem Türgriff eines Autos verarbeitet ist? Sobald die Fässer in der Pilotanlage von Amsilk bei München ankommen, wird das Protein zunächst nach und nach in Lösungsmittel eingerührt. Keinesfalls darf das Pulver verklumpen: Dann würden sich die Proteine in der honigartigen Flüssigkeit niemals zu einer stabilen Schnur aneinanderreihen, und der „Magic Moment“ wäre dahin. Von der Kultivierung bis zum Spinnen kann viel schiefgehen, doch mittlerweile läuft der Prozess wie am Schnürchen: Zuverlässig zieht die Maschine in dem unscheinbaren Gebäude rund um die Uhr einen silbrigen Spinnenfaden aus der Lösung und umwickelt damit Spule um Spule.

Je nach Kundenwunsch und Einsatzzweck ist Amsilk heute in der Lage, dünnere oder dickere Fäden zu produzieren. In jedem Fall sind sie federleicht, sehr belastbar, nicht so klebrig – und doch nah am Vorbild der Natur. „Ich bin mir sicher, dass wir zu einem der führenden Anbieter von Hochleistungsfasern werden“, schwärmt CEO Ulrich Scherbel. „Denn trifft die Innovationskraft neuer Firmen wie Amsilk auf das Know-how erfahrener Industriepartner wie Evonik, kann Großes entstehen.“ Das Gefühl von Magie zum Beispiel, wenn sich aus einer eben noch zähen Masse ein zarter, silbriger Faden formt. 

Zwei Spulen mit unterschiedlich dickem Faden hinter einem Fläschchen mit weißer Flüssigkeit.

Gefährlicher Luxus

Seide zählt zu den feinsten Stoffen, die tierischen Produzenten bezahlen die Herstellung jedoch mit dem Leben.

Historische chinesische Malerei
Kühlend im Sommer, wärmend im Winter, auf der Haut fast schwerelos, dabei glänzend und weich – Seide gilt seit Jahrtausenden als kostbares Gut. Wie sie herzustellen ist, war in China lange ein streng gehütetes Geheimnis, sie zu tragen dem Kaiser und anderen Adligen vorbehalten. Das Geschäft mit Seide begann während der Han-Dynastie um 100 v. Chr., als erste Handelsrouten sich nach Zentralasien erstreckten. Die chinesische Seide ist das Produkt der Raupen zweier Schmetterlinge, des Maulbeer­seidenspinners und des Tussahspinners . Schon um 2.800 v. Chr. sollen Menschen sie zur Herstellung von Seidengarn gezüchtet haben. Die Larven verpuppen sich in einem Kokon, aus dem später der Falter schlüpfen soll. Das beerengroße Seidengespinst besteht aus einem 800 bis 3.000 Meter langen Faden. Um diesen unversehrt gewinnen zu ­können, müssen die Puppen mit kochendem Wasser getötet werden. Sechs Kilogramm Kokons von rund 15.000 Raupen sind für ein Kilogramm Rohseide nötig – eine Menge, die für etwa sechs Schals reicht. Kein Wunder, dass das feine Material als Luxusgut gilt und schon in Gold aufgewogen wurde, als es noch mit Karawanen über die Seidenstraße nach Europa kam. Bis heute ist China die Hochburg der Seidenproduktion; das Land deckt mit rund 200.000 Tonnen jährlich mehr als 70 Prozent des Weltmarkts ab.
Ein Mann inmitten von vielen Körben mit Rohseide.
An solche Mengen kam Spinnenseide nie heran – es ist unmöglich, genug davon zur Herstellung von Textilien zu gewinnen. Versuche gab es dennoch: Anfang des 18. Jahrhunderts galt die Aufmerksamkeit zunächst den Kokons, in die Spinnen ihre Eier legen, um ihren Nachwuchs vor Fressfeinden zu schützen. Ein Franzose aus Montpellier soll die federleichten Hüllen als Erster gesammelt, gekocht und ausgekämmt haben, um aus dem Faden ein Gewebe für Strümpfe und Handschuhe herzustellen. Erste Versuche, die Seide direkt aus Spinnen zu gewinnen, unternahm 1796 Raimondo Maria de Termeyer. Der Spanier spannte Spinnen in ein Gestell, um den Faden direkt aus der Spinndrüse zu ziehen und auf eine Spule zu wickeln.
Die gelbe Robe aus Spinnenseide.
In Madagaskar gelang es Ende des 19. Jahrhunderts, größere Mengen auf ähn­liche Weise herzustellen: In einer Versuchsanlage der französischen Kolonial­regierung wurde zwölf Spinnen gleichzeitig der Faden entnommen, zu Garn gezwirnt und dieses zu einem Tuch verwebt, das 1900 auf der Weltausstellung in Paris zu bestaunen war. Schon damals war aber klar: Aus Spinnenfäden Textilien herzustellen ist nicht wirklich effektiv. 2004 griffen der Textilkünstler Simon Peers und der Unternehmer Nicholas ­Godley die Idee für eine einmalige Aktion auf. Sie ließen mehr als eine Million Goldene Seiden­spinnen Fäden produzieren und hatten nach fünf Jahren genug für einen anderthalb Kilogramm schweren Umhang beisammen. Das von Natur aus goldfarbene Gewand wurde seit 2012 weltweit ausgestellt.